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Festspiele Burgrieden Winnetou 1

Schwäbische Zeitung

Lokales19.08.2015

Reiner Schick
Das Bleichgesicht meistert die Indianer-Rolle

Helga Reichert genießt ihren unverhofften Einsatz als Nscho-Tschi bei den Winnetou-Vorstellungen in Burgrieden

 Die Biberacher Schauspielerin Helga Reichert muss als neue Winnetou-Schwester viel Einfühlungsvermögen zeigen – zum Beispiel alBild vergrößern

Die Biberacher Schauspielerin Helga Reichert muss als neue Winnetou-Schwester viel Einfühlungsvermögen zeigen – zum Beispiel als Trostspenderin für die junge Emmy (Annika Leanyvari).

Kurt Kiechle

Burgrieden sz In fünf Tagen von der Mutter in Elternzeit zur Häuptlingsschwester im Wilden Westen: Diese außergewöhnliche Herausforderung hat die Biberacher Schauspielerin Helga Reichert in der vergangenen Woche bei der Aufführung des Karl-May-Klassikers „Winnetou I“ auf der Burgrieder Festspiele gemeistert. Und das mit Bravour, wie Regisseur Mike Dietrich begeistert berichtet.

Am Montag hatte das Ensemble die Nachricht ereilt, dass die Darstellerin der Winnetou-Schwester Nscho-Tschi, Melanie Renz, erkrankt ist und voraussichtlich für die restlichen 18 Vorstellungen ausfallen wird. „Man hat ja für den Fall der Fälle immer ein paar Ersatzkandidaten aus dem Casting im Hinterkopf. Aber als der Fall eintrat, musste ich erstmal tief durchatmen“, räumt Mike Dietrich ein. Nachdem der Regisseur sich einmal kurz geschüttelt hatte, fiel ihm Helga Reichert aus Biberach ein – und er rief sie an. „Ich musste mich erst mit meinem Mann besprechen, ob wir das hinbekommen. Schließlich haben wir zwei kleine Kinder“, erzählt die Ehefrau des Biberacher Filmfest-Intendanten Adrian Kutter. Nach kurzer Rücksprache sagte sie zu.

Noch am selben Tag habe sie das Manuskript bekommen – „und erstmal einen kleinen Panikanfall, weil es nach recht viel Text aussah“. In etwa zehn Szenen ist ihr Einsatz als Nscho-Tschi gefordert, „aber ich lerne Texte relativ gut auswendig, deshalb wurde es doch kein so großes Problem, wie zunächst befürchtet“, sagt Helga Reichert. Am Dienstag erhielt sie eine DVD („Da habe ich schnell gesehen, wo ich mich zu bewegen habe“), und ab Mittwoch wurde geprobt. „Ich habe erst mal alle möglichen Rollen übernommen, vom Winnetou bis zur Emmy, damit wir die Szenen mit unserer neuen Häuptlingsschwester üben konnten“, erzählt Mike Dietrich. Aber letztlich habe das Ensemble mitgezogen: „Normalerweise wären alle erst am Freitagabend zur Aufführung angereist. Aber viele kamen extra früher, um mit Helga Reichert proben zu können. Old Shatterhand reiste extra schon am Freitag früh an, um seine Geliebte kennenzulernen.“

30 Jahre Reiterfahrung

Eine weiteres Hindernis überwand die neue Darstellerin fast spielend. „Nscho-Tschi muss ja auch reiten“, erzählt Mike Dietrich, „aber zum Glück hatte Helga Reichert 30 Jahre Reiterfahrung.“ Mehr noch: Sie besaß bis vor zwei Jahren selbst ein Pferd und nahm an vielen Springturnieren teil. „Ich musste mich zwar an den Westernsattel gewöhnen“, erzählt sie, „und es ist etwas anderes, wenn man zum ersten Mal beruflich reitet. Aber es war wahnsinnig toll. Ich hatte zwar ein bisschen Angst, wie das Pferd wohl bei der Aufführung reagieren würde, aber Yakota und ich haben uns schnell ineinander verliebt. Sie hat am Samstag auch gleich in meine Liebeszene mit Old Shatterhand gedrängt und wollte mitküssen.“

Apropos Shatterhand: Auch er und sein Blutsbruder mussten sich erst an die neue Nscho-Tschi gewöhnen. „Melanie Renz ist 20 Zentimeter kleiner und 15 Jahre jünger als ich. Für Old Shatterhand und Winnetou war es schon eine Umstellung, dass plötzlich kein kleines Mädchen mehr neben ihnen steht“, sagt die 42-Jährige mit einem Lächeln. Dass sie darüber hinaus im Gegensatz zu Renz blond und ein Bleichgesicht ist und damit eigentlich gar nicht als indianische Schönheit taugt, kümmerte Helga Reichert nicht wirklich: „Ich habe beschlossen, mir darüber keine Gedanken zu machen und diese Herausforderung den Maskenbildnern zu überlassen. Mithilfe einer schwarzen Perücke haben die das ganz gut hinbekommen.“

Die Aufführung meisterte Helga Reichert „mit Bravour“, wie ihr Mike Dietrich bescheinigt. „Sie ist halt ein echter Profi.“ Einer, der auch zu improvisieren versteht. „Die meiste Angst hatte ich vor den Kampf- und Massenszenen, die wir gar nicht mehr proben konnten“, räumt Helga Reichert ein. „Eine halbe Stunde vor der Aufführung kam jeder zu mir und hat erklärt, wie ich mich zu verhalten habe, wann ich zum Beispiel wem ein Messer aus der Hand nehmen müsste. Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was ich wann zu tun hatte. Als mir auf der Bühne jemand ein Messer hingestreckt hat, hab ich’s halt mal genommen – wird schon passen.“

Premieren-Tod auf der Bühne

Beiläufig erzählt sie, dass sie hinter der Bühne fast von einer vorbeibrausenden Kutsche überrollt worden wäre. Ansonsten aber überwogen die schönen Momente mit „tollen Kollegen, die mir das Gefühl gegeben haben, dass ich das gut hinkriege“, sagt Helga Reichert. Sie habe es genossen, „in einer schönen Liebesgeschichte die tapfere und kluge Häuptlingsschwester zu spielen“. Auch wenn sie am Ende sterben muss. „Das ist sehr dramatisch. Ich bin noch nie auf der Bühne gestorben. Das war meine Premiere.“

Als Kind habe sie die Winnetou-Filme immer mit ihrem Opa auf dem Sofa angeschaut – „und ich war tatsächlich ein Fan von Old Shatterhand“. Am vergangenen Montagabend, nach ihrem erfolgreichen Premierenwochenende in Burgrieden, setzte sie sich erstmals wieder für ein Karl-May-Abenteuer vor den Fernseher. „Ich habe mit meinem Mann ,Winnetou I’ geschaut“, sagt Helga Reichert, „es war schön. Aber die Aufführung in Burgrieden ist schöner.“ Dabei denkt sie besonders gerne an die Szene, als sie mit Yakota aus der Dunkelheit auf die Bühne zu Winnetou und Old Shatterhand reitet, der Falke über sie hinwegfliegt und dazu die bekannte Filmmusik erklingt. „Ein Teil dieser Magie zu sein, ist wunderschön.“