immer diese Kritiker!

"Vor dem Frühstück"

Nassauische Presse, 04.03.2006

Ehefrau – liebevoll und arglistig (Regina Reich)

Zollhaus. „Haben Sie schon einmal versucht, als Frau mit einem Mann zu sprechen?“, antwortete Helga Reichert prompt auf die Frage eines Mannes, der sich wunderte, warum der Mann in dem Theaterstück „Vor dem Frühstück“ nicht reagierte.

Ein altes Sofa, ein paar Schuhe und ein weißes Leinentuch dienten als Kulisse für den Monolog einer Ehefrau. (…) Eigentlich müsste Mrs. Rowland das Frühstück zubereiten, aber das tut sie nicht. Nach und nach erfährt der Zuschauer von der Ehe, dass diese gar nicht so gut funktioniert. (…) „Die haben sich einen Krieg gegeben“, kommentierte eine Zuschauerin aus dem Publikum das Stück. (…) Die Mrs. Rowland, die Helga Reichert verkörperte, zeigte gleich mehrere Gesichter, liebevolle Ehefrau, aber auch arglistiges Biest, das im Selbstmitleid versank. (…) „Mich hat dieses Stück von Eugene O`Neill sofort gefesselt, weil es trotz seiner 90 Jahre erschreckend aktuell ist“, kommentierte die Schauspielerin, die im Kreml- Kulturhaus die dritte Aufführung ihres Soloprogramms mit Erfolg meisterte.

Rhein- Lahn- Zeitung, März 2006

Gatten gab´s nur im Film – Publikum begeistert von Solostück im Kreml (Anne Menz)

Zollhaus. „Vor dem Frühstück“ – hinter dem komödiantisch wirkenden Titel verbirgt sich ein tragisches Meisterwerk, geschrieben im Jahre 1916 von Eugene O`Neill. Volker Langeneck hat daraus ein zeitloses Drama gemacht, das in einer gelungenen Kombination von Film und dem Monolog der unglücklichen Ehefrau aufgeführt wird. Helga Reichert überzeugte mit der Darstellung der Mrs. Rowland, während Regisseur Volker Langeneck ihren Mann Alfred mimte, der allerdings nur per Video anwesend war. (…) In der Vorstellung erlebte der Betrachter die wirklichkeitsnahe Szene einer völlig kaputten Beziehung. (…) Die eintönige Litanei nahm ein jähes Ende, als Alfred sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader durchschnitt. Die erstickten Entsetzenslaute aus dem Publikum ließen darauf deuten, dass niemand ein so drastisches Ende erwartet hatte. Die Frage der Schuld beschäftigte die Zuschauer und wurde deshalb in Nachhinein noch einmal diskutiert. (…)

Gerade die unterschiedlichen Interpretationsarten machten das Stück interessant und nachwirkend. Man musste sich selbst Gedanken darüber machen und bekam nicht „vorgeschrieben“, was – beziehungsweise wer – gut oder böse, schuldig oder nicht schuldig ist.

Westfälische Nachrichten, 08.12.2005

Ehegatten abgefrühstückt (Christian Steinhagen)

Der Körper starr, die Lippen fest geschlossen, und mit auf die Unendlichkeit fokussierten Pupillen tritt die erkennbar derangierte Ehefrau dem Publikum entgegen. (…) Ausdrucksstark und stets an der vorderen Bühnenkante konfrontiert Helga Reichert die Zuschauer mit ihrem Eheleben als Wechsel von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. (…) Mit raumfüllender Stimme gelingt es Helga Reichert, die Frustrationsraten der Mrs. Rowland in das Auditorium zu werfen. Leise Zweifel an ihrer Position in der Beziehung bauen sich auf: Etwa wenn sie fürsorglich klagend in Richtung Bad fragt: „Schneidest Du Dich auch nicht?“ oder ganz sanft „Kaffee ist fertig“, beschleicht den Zuschauer die Ahnung, ob in Mrs. Roland vielleicht doch etwas Sucht am Ausleben ihres Persönlichkeitskonkurses liegt.